Einstieg
Der Begriff »Homosexualität« ist verhältnismäßig jung und eine Wortneubildung aus dem Jahr 1868. Er wurde geprägt vom österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny aus dem griech. »ὁμός» [homόs], das bedeutet »gleich«, und dem lat. »sexus«, das heißt »Geschlecht«
(https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität (30.12.2018))Gleichzeitig prägte er als Gegenbegriff die Bezeichnung »Heterosexualität«. (Griech. »ἕτερος« [heteros] »der Andere«, »ungleich« und lat. »sexus« = »Geschlecht«.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Heterosexualität (30.12.2018))Richard von Krafft-Ebing (deutsch-österreichischer Psychiater und Neurologe sowie Rechtsmediziner) sorgte ab 1886 mit seinem Werk ⁕Psychopathia sexualis⁕ für eine weite Verbreitung der Wortneubildungen.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität (30.12.2018))»Homosexuell« wurde dann zu einem überwiegend medizinisch gebrauchten Wort und »Homosexualität« wurde als Krankheit bzw. psychische Störung angesehen. Der Umstand, dass »homo« im Lateinischen »Mann« (aber auch »Mensch«) bedeutet, und nicht, wie das griechische »ὁμός« [homόs], »gleich«, führt häufig zu einer irrtümlichen Verengung der Wortbedeutung auf »männliche Sexualität«, im Besonderen auf männliches gleichgeschlechtliches Sexualverhalten.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität (30.12.2018))1864, vier Jahre vor Kertbenys Wortschöpfung, veröffentlichte Karl Heinrich Ulrichs (ein deutscher Jurist, Journalist, Verleger, Schriftsteller) die erste von insgesamt 12 Schriften ⁕Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe⁕.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Heinrich_Ulrichs (30.12.2018))In ihnen stellte Ulrichs die Hypothese von der weiblichen Seele im männlichen Körper auf. Gleichgeschlechtliche Liebe nannte er »Uranismus«. Ulrichs bekannte sich öffentlich als Urning (Urninde weibl.).
Er ging von einer natürlichen, nicht krankhaften Veranlagung aus und forderte daher die Straflosigkeit homosexueller Handlungen. Durch seine Selbstbeschreibungen und Publikationen wurde er zu einem der Pioniere der damals noch im Entstehen begriffenen Sexualforschung. 1880 musste Ulrich nach Italien ins Exil fliehen. Er wurde in den deutschen Staaten verfolgt, weil er »widernatürliche Wollust mit anderen Männern treibe«
(https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Heinrich_Ulrichs (30.12.2018))Die erste fundierte Verteidigung des gleichgeschlechtlichen Verhaltens schrieb mit ⁕Eros. Die Männerliebe der Griechen⁕ (1. Band 1836, 2. Band 1838) der Schweizer Modist und Tuchhändler Heinrich Hössli. Er begründete die Verteidigung der Liebe unter Männern mit seiner Überzeugung, dass diese Veranlagung angeboren sei.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität (30.12.2018))Davor gab es keine Beschreibung der gleichgeschlechtlichen Zuneigung als eine Eigenschaft des menschlichen Wesens. Man wusste um gleichgeschlechtliche sexuelle Betätigung, aber es gab bis dahin kein Wissen über und keinen Begriff für das, was wir heute »Homosexualität« nennen.
Das Wort »Sexualität« wird in der Vorstellung und im Gebrauch fast immer im Sinne einer sexuellen Handlung verengt. Sexualität ist aber mehr als nur Sex. Deshalb haben sich neue Begriffe etabliert.Einer davon ist »Gender«. Gender ist ein Anglizismus, entlehnt aus der lateinischen Sprache, in der »genere natus« Geburtsgeschlecht heißt.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Gender (30.12.2018))»Gender« ist der Begriff für die Geschlechtseigenschaften einer Person, die durch inneres Empfinden oder die Gesellschaft geprägt wurden. Im Deutschen auch: soziales Geschlecht.
»Gender« wird vor allem in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht verwendet.‟
(„National Geographic“, Januar 2017, S. 24)Ich möchte dich nun mit der »Genderbread-Person«* bekannt machen — das ist eine Ableitung von »Gingerbreadman« = »Lebkuchen-, Pfefferkuchenmann«.
*© Sam Killerman: »The Social Justice Advocate’s Handbook: A Guide to Gender«
(das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht)
Werdende Eltern wollen oft wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Das versucht man mit Ultraschall festzustellen. Entscheidend für die Festlegung des biologischen Geschlechts sind die »primären Geschlechtsmerkmale«.
Das sind die Geschlechtsorgane, die vornehmlich der direkten Fortpflanzung dienen, wie z. B. Vulva, Vagina, Ovarien, Uterus, Hoden, Nebenhoden, Samenwege und Penis.
Nach der Geburt steht es dann aber eindeutig fest: Junge oder Mädchen.
Oder doch nicht?
Unter 500 Neugeborenen ist eines, bei dem sich das biologische Geschlecht nicht eindeutig zuordnen lässt. Das nennt man dann »intersexuell«. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen sowohl männliche als auch weibliche Elemente auf.
Lange versuchten Ärzte, intersexuelle Kinder unmittelbar nach der Geburt, nach den medizinischen Möglichkeiten einem Geschlecht zuzuordnen – meist dem weiblichen, weil dies operativ leichter herzustellen war.
Schätzungsweise 80.000 Menschen in Deutschland sind intersexuell.
Die Geschlechtsidentität ist Teil des Selbsterlebens eines Menschen und damit Teil seiner Identität. Damit drückt sie sich »auch im Geschlechtsrollenverhalten aus, also in all dem, was jemand tut oder lässt, um zu zeigen, dass er sich als Mann, als Frau, oder ‘irgendwie dazwischen‘ empfindet.«
(https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtsidentität (01.01.2019))Entspricht die Geschlechtsidentität dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, bezeichnet man diese Personen als »Cisgender« oder »Cis«. Cisgender ist eine Wortschöpfung aus dem lateinischen „cis“ »diesseits« – und dem englischen »gender« »Geschlecht«.
Das trifft auf die meisten Menschen zu.
Aber eben nicht auf alle. Es gibt welche, die identifizieren sich anders. Und da gibt es eine beachtliche Bandbreite.
Ausgedrückt wird sie durch die Zeichenreihe »LSBTIQ+«.
Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle, Queere + andere.
Queer bezeichnet Menschen, die nicht heterosexuell und/oder cis sind und die sich nicht in die anderen Varianten einordnen lassen.
Eine repräsentative Umfrage in der EU von 2016 ergab, dass sich 5,9 Prozent der Bevölkerung als LSBTIQ identifizieren.
(https://www.queer.de/detail.php?article_id=27318 (01.01.2019))Damit bezeichnet man die äußeren Merkmale, mit denen eine Person ihr Geschlecht ausdrückt (etwa Frisur, Kleidung, Schmuck, Make-up, Tonfall oder Körpersprache). Die Genderausdrucksform kann mit der Geschlechtsidentität einer Person übereinstimmen, kann aber auch ganz anders sein.
(„National Geographic“, Januar 2017, S. 24) <Dieser Begriff bezeichnet ein Muster emotionaler, romantischer und/oder sexueller Anziehung zu anderen Menschen.
Auch wenn das hier im Bild dem Herzen zugeordnet wird, spielt sich das alles im Gehirn ab. Das Gehirn ist das größte Sexualorgan des Menschen. Die sexuelle Orientierung beschreibt Gefühle und Handlungen in Bezug auf andere Personen, während die Geschlechtsidentität ein tief empfundenes Gefühl des Selbst zum Ausdruck bringt.
Die Homosexualität ist die sexuelle Orientierung, die Lesben, Schwule und zum Teil Bisexuelle betrifft.
Im Folgenden beschränke ich mich auf Lesben und Schwule.
Man rechnet mit etwa 3 % Schwulen und 1,5 % Lesben in der Bevölkerung. Warum wird man lesbisch oder schwul?Diese Frage beschäftigt Sexualforscher, Ärzte und Psychologen nun seit rund 150 Jahren.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Homosexualität von Ärzten und Forschern überwiegend als »pathologisch« verstanden, d.h. als »Deutung von Verhaltensweisen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, sozialen Verhältnissen oder zwischenmenschlichen Beziehungen als krankhaft«.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Pathologisierung (01.01.2019))Damit kamen homosexuell veranlagte Menschen aus den Gefängnissen in psychische Heilanstalten, und damit in die Hände experimentierwütiger Ärzte.
Bei vielen Menschen hat sich allerdings die Vorstellung festgesetzt, bei der Homosexualität handele es sich um einen bewusst gewählten »widernatürlichen Lebensstil« oder um eine Prägung durch frühkindliche Erlebnisse.
Aus beiden Sichtweisen wird gefolgert: Homosexualität ist heilbar!
Oder austreibbar, durch einen Exorzismus zum Beispiel.
Diese Meinung wird in konservativen und fundamentalistischen christlichen Kirchen, im Islam und in vielen Ländern im Nahen Osten, in Afrika und Asien vehement verteidigt. In über 60 Ländern sind homosexuelle Aktivitäten strafbar. In einigen Ländern wird sogar die Todesstrafe verhängt.
Die gegenwärtige Sexualforschung kommt da zu anderen Ergebnissen.
Interessanterweise gibt es weit mehr Studien zu Schwulen als zu Lesben.
Vielleicht hat das was damit zu tun, dass zwei Männer, die Händchen haltend spazieren gehen, entsprechend der sozialen Rolle, die ihnen zugeteilt wurde, mehr Aufmerksamkeit erregen, als wenn zwei Frauen das Gleiche tun.
Um ein Ergebnis der Forschung gleich vorweg zu nennen: Man weiß bis jetzt nicht genau, warum Menschen lesbisch oder schwul werden.
Eine der größten Studien zu diesem Thema (veröffentlicht in »Science«) mit fast 500000 Teilnehmern hat klargestellt: Es gibt kein einzelnes Gen, das die sexuelle Orientierung bestimmt.
Man schätzt, dass genetische Faktoren etwa **8 % bis 25 %** (je nach Studie auch bis zu 32 %) der Unterschiede in der sexuellen Orientierung erklären. Es sind tausende winzige genetische Varianten beteiligt, die jeweils nur einen minimalen Effekt haben. Einige dieser Gene hängen zum Beispiel mit dem Geruchssinn oder der Regulierung von Hormonen zusammen.
Aber man hat interessante Entdeckungen gemacht.
Ein sehr spannendes Feld ist die Epigenetik. Hier geht es nicht um die Gene selbst, sondern darum, wie sie „an- oder ausgeschaltet“ werden.
Die Forschung deutet darauf hin, dass die hormonelle Umgebung im Mutterleib (vor allem der Testosteronspiegel) während kritischer Phasen der Gehirnentwicklung eine Rolle spielt.
Es gibt Hinweise, dass „Epimarker“ (chemische Schalter an der DNA), die normalerweise die Empfindlichkeit für Hormone steuern, manchmal vom Vater auf die Tochter oder von der Mutter auf den Sohn übertragen werden, was die spätere sexuelle Orientierung beeinflussen kann.
Einer der am besten dokumentierten Befunde in der Biologie der Homosexualität von Männern weist darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Junge homosexuell wird, mit jedem älteren Bruder, den er von der gleichen biologischen Mutter hat, um etwa 33 % steigt.Dafür verantwortlich ist wohl eine Immunantwort der Mutter in der Schwangerschaft.
Wissenschaftler hatten das Blut von 54 Frauen untersucht, die homosexuelle Söhne hatten, und es mit dem Blut von 72 Müttern verglichen, die heterosexuelle Söhne hatten. Sie fanden heraus, dass Erstere deutlich größere Mengen eines bestimmten Antikörpers im Blut hatten.
Dieser Antikörper richtet sich gegen ein bestimmtes Eiweiß namens NLGN4Y (Neuroligin 4 Y-Bindung). Nur männliche Föten produzieren es, weil es vom Y-Chromosom stammt – und dieses Eiweiß ist wichtig für die männliche Gehirnentwicklung.
Dem Team um Blanchard und Bogaert fiel außerdem auf: Je mehr Söhne eine Frau bekommen hatte, umso mehr dieser Antikörper zirkulierten in ihrem Blut.
Es sah danach aus, als ob bei den später geborenen Söhnen nicht mehr viel des Eiweißes NLGN4Y im Gehirn des Babys ankam, weil das Immunsystem der Mutter zu viele Antikörper ins Rennen geschickt hatte. Das könnte die sexuelle Orientierung des Kindes beeinflussen, schreiben die Forscher.
Allerdings heißt das nicht, dass Homosexualität nur auf diesem Wege entstehen könne.
(https://www.welt.de/wissenschaft/article171538709/Deshalb-sind-juengere-Soehne-oefter-homosexuell.html (01.01.2019))Denn auch weibliche Embryos können ja homosexuell werden, bei denen dieses Eiweiß nicht vorkommt.
Eine zweite Entdeckung, die Forscher gemacht hatten, betraf auch die Entwicklung des Gehirns vom Embryo.
Die Ausbildung der primären Geschlechtsorgane geschieht in der 6. bis 12. Schwangerschaftswoche.
Das Gehirn des Embryos entwickelt weitgehend in der 8. bis 24. Schwangerschaftswoche die Gehirnstrukturen, die mit der späteren sexuellen Ausprägung zu tun haben.
Für diese Entwicklung sind Hormone von großer Bedeutung, für männliche Embryos besonders der Einfluss von Testosteron.
Eine Gehirnforscherin hat in einer Vortragsreihe zum Thema »Gehirn und Sexualität« von einer »Testosterondusche« des Gehirns gesprochen, die in einer bestimmten Wachstumsphase nötig ist, damit aus einem Embryo mit männlichen primären Geschlechtsorganen ein cis-Mann wird.
Es gibt noch viele andere Faktoren, die die Entwicklung des sexuellen Gehirns beeinflussen, einschließlich des Vorhandenseins von Östrogen, Progesteron und einer Reihe von Aminosäureverbindungen.
[Das Alpha-Fetoprotein (AFP) ist ein Eiweiß, das von Leber- und Darmzellen in geringen Mengen und darüber hinaus in der Schwangerschaft vom embryonalen Dottersack gebildet wird. Im Blut des Ungeborenen hat AFP eine Transportfunktion für Eiweiße.]
Aufgrund des Hormonhaushalts der werdenden Mutter, von Abweichungen im Timing und von Störungen des embryonalen Wachstums können die Ausgestaltung der Geschlechtsorgane und des Gehirns unkoordiniert voneinander geschehen, was zu nicht zusammenpassenden Geschlechtseigenschaften führen kann. {„Christian Attitudes Toward Sex and Women’s Ordination: Cerebrocentric versus Genitocentric Theology‟, Jeffrey Kent, Spectrum Magazine, 05.05.2014} <Es funktioniert ja aber recht gut, also wie wir es erwarten, bei über 90% der Menschen.
Es gibt Hinweise, dass dieselben Genvarianten, die bei Männern Homosexualität fördern, bei deren weiblichen Verwandten (Müttern/Schwestern) zu einer höheren Fruchtbarkeit führen können. Die Natur nimmt die Homosexualität bei einigen Individuen also in Kauf, weil das Genpaket insgesamt die Vermehrung der Sippe stärkt.
Es gibt in diesem Gebiet noch viel zu erforschen, um herauszufinden, warum Menschen sich als Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle usw. identifizieren.
Ich persönlich bin überzeugt, dass ein Mensch als das sexuelle Wesen geboren wird, als das er sich selbst bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt, wahrnimmt.
Ich bin überzeugt, dass Homosexualität eine Variante in dem breiten Spektrum menschlichen Seins ist, durchaus vergleichbar mit Autismus, Linkshändigkeit oder der Farbe der Augen.
Ich bin überzeugt, dass es keine »Heilung« von der Homosexualität gibt und Leute, die so etwas anbieten, Scharlatane sind.
Aber: Menschen können, aus was für Gründen auch immer, homosexuelle Praktiken ausleben und sie auch wieder lassen.Aber das sind der Definition nach keine Homosexuellen.
Und deren Verhaltensänderungen als »Heilung« von der Homosexualität zu propagieren, ist unehrlich und sogar schädlich, denn es treibt die Rate der Selbsttötungen bei nicht »geheilten« Jugendlichen aus konservativen christlichen Kirchen dramatisch in die Höhe.
